Internet Radio - Neue Begeisterung für ein altes Medium

28.11.2002
Durch das Internet erfährt das Radio einen neuen Aufschwung und wird zunehmend als Investition interessant.

Als Anfang Januar der schottische Medienkonzern Scottish Media Group bekannt gab, er wolle sich für stolze 225 Millionen Pfund, immerhin rund 700 Millionen Mark, die kleine Londoner Ginger Media Group einverleiben, da blieb die Überraschung bei Medienanalysten der City aus.

Ginger Media hat an Besitztümern zwar vor allem ihren charismatischen Chef vorzuweisen, den in England sehr berühmten DJ Chris Evans. Dazu kommen einige feste Aufträge für TV-Produktionen. Vor allem aber besitzt Ginger Media den Kommerzsender Virgin Radio; Und deshalb ließ der Kaufpreis Analysten nicht einmal die Stirn runzeln: Radio ist eine heiße Ware im Königreich, und wer als Medienkonzern nicht auf den Zug springt, verpasst möglicherweise einen Grundpfeiler der medialen Zukunft.

Surfen verdrängt Fernsehen

Grund der neuen Begeisterung für den Medien- Methusalem Radio ist das Internet. Kein anderes der traditionellen Medien bietet sich derart ideal an für die kommerzielle Lebensader des 21. Jahrhunderts: wer surft, schaut weder fern, noch liest er Zeitung. Radio als Begleitmedium, ob traditionell via Funkwelle oder modern per Mausklick im PC angeschaltet, ist dagegen beliebt. Surfen verdrängt Fernsehen - jedenfalls tendenziell: "In den USA sind abends mehr Menschen online als es Zuschauer bei den beiden größten Kabelsendern gibt, MTV und CNN," analysierte kürzlich Phil Riley, Chef der Hörfunk- Gruppe Chrysalis Radio, die Situation. Gerade bei den finanzstarken mittleren Jahrgängen zwischen 25 und 45 Jahren ist dieser Trend auch in Großbritannien zu beobachten.

Mit der neuen Breitband- Übertragungstechnik ASDL, die von British Telecom im Königreich eingeführt wird, ist es möglich, auch über das Internet Radio in CD Qualität zu verbreiten, ohne lange und teure Wartezeiten in Kauf nehmen zu müssen. Zusätzlich zeichnet sich auf der Insel eine Veränderung des britischen Business- Modells beim Internet-Zugang in Richtung des amerikanischen Modells an: während in Großbritannien derzeit kostenloser Internet-Zugang bei relativ hohen Telefongebühren weit verbreitet ist, gilt in den USA das umgekehrte Prinzip.

Kostenloses Telefonieren

British Telecom, ebenso wie der Konkurrent Cable & Wireless und der Internet-Riese AOL bieten seit neuestem stark verbilligtes oder kostenloses Telefonieren an. Erhoffter Effekt: Die Surfer bleiben länger im Netz. Diese kann das Begleitmedium Internet-Radio bequem erreichen - und damit auch den Werbekunden Zusatznutzen verheilen. Längst schon ist in Großbritannien digitales Radio der Standard, und was im Radioempfänger vor allem bessere Klangqualität bewirkt, das bietet im PC die Möglichkeit, Werbebotschaften mit anklickbarer Web- Adresse zu versehen.

Chrysalis macht das bereits vor bei seinen Stationen Heart FM (www.heartfm.co.uk) in London und Galaxy (www.galaxyfm.co.uk) in den Midlands und Nordengland: Neben den Web- Adressen der Werbekunden sind auch Informationen zu den Songs, die gerade laufen, im Audio Stream encodiert und können abgerufen werden. Neben diesen Möglichkeiten bietet die Kommunikationstechnologie der Zukunft dem digitalen Kommerzradio eine Plattform: Die Mobiltelefone der Zukunft werden neben Breitbandzugang zum Internet auch einen Radioempfänger anbieten," beschreibt Phil Riley seine Vision. Und wenn der Handy- Besitzer nicht gerade telefoniert, wird er sich in das laufende Radioprogramm einstöpseln können und mit seinem multifunktionalen Gerät auf Botschaften reagieren können, die ihn interessieren.

Steigende Zahl an Radiosendern

Diese Verbreitungsschiene ist hoch interessant, denn schon jetzt gibt es in Großbritannien schon mehr als ein Mobiltelefon pro Haushalt. Ob diese neue Welt nun schön oder gar erstrebenswert sein wird, interessiert die Macher und die Investoren der britischen Kommerzradios wenig. Selbst der Radio-Skeptiker Rupert Murdoch wurde weich und beteiligte sich mit 20 Prozent Ende 1998 am Quasselsender Talk Radio. Diesen hat sein ehemaliger Adlatus beim Boulevardblatt Sun, Kelvin McKenzie, übernommen. Talk Radio ist jüngst zum Sportkanal mutiert und ringt der BBC ein Programm- Filetstück nach dem anderen ab.

Das Investment ließ seinerzeit auch andere Medienfürsten hellhörig werden, denn wo Murdoch sich beteiligt, da ist gewöhnlich Geld zu scheffeln. Und so sind die britischen Radiomacher derzeit damit beschäftigt, Märkte zu arrondieren. Jeden Monat kommen eins, zwei regionale Stationen neu auf den Markt. Provinzmetropolen wie Birmingham, Manchester oder Glasgow werden nach Analystenmeinung in nicht allzu langer Zeit wenigstens 40 Sender haben. Für London mit seinem riesigen Einzugsgebiet von gut 13 Millionen Menschen sind die Prognosen für die Zahl der Sender schwindelerregend.


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