Für Indiens Analphabeten ersetzt Video-E-Mail das Telefon

05.10.1999
Neue Technologie kann Wanderarbeitern in Metropolen nutzen und erschließt der Computerindustrie einen neuen Markt!

Billiger und einfacher als Telefonieren soll die Video-E-Mail für die Millionen Analphabeten in Indien sein. Per Internet können sie jetzt Videoclips von sich in die Heimat schicken.

Indiens Software-Industrie hofft so das Internet für die Massen populär und zugänglich zu machen.

In insgesamt 30 privaten Telefonbüros in Nordindien wird Video-E-Mail eingerichtet. Für 15 Rupien (etwa 70 Pfennige) können Nutzer dann drei Minuten vor laufender Digitalkamera eine Botschaft für die Heimat aufsprechen und absenden. Ein gleich langes Telefongespräch zwischen Neu-Dehli und Bombay würde mindestens das dreifache kosten.

"Wir können es uns nicht erlauben, das Internet nur für die gut ausgebildete Elite zu reservieren", erklärt der Direktor der "Nationalen Vereinigung für Software und Dienstleistungsfirmen" (Nasscom) Wewang Mehta. Indiens boomende Computer- und Software-Industrie erwartet im kommenden Jahr Exporte von vier Milliarden US-Dollar, und Mehta möchte ihr neue Marktmöglichkeiten erschließen.

52 Prozent aller Inder sind Analphabeten, eigene Telefone haben die wenigsten der eine Milliarde Bewohner des Subkontinents, und Geld für
einen Computer geschweige denn einen Internet-Zugang kann sich ebenfalls kaum jemand leisten. Schließlich leben rund 400 Millionen Inder unter der Armutsgrenze mit weniger als einem US Dollar Einkommen pro Tag.

Bislang bestehen in Indien nur 340 000 Internetanschüsse, die von etwa 1,4 Millionen Menschen benutzt werden, Es gibt aber 37 Millionen Fernsehapparate mit Kabelanschluss, "In Indien wird sich deshalb der
Internetmarkt über Kabelfernsehen so schnell durchsetzen wie sonst in kaum einem anderen Land", glaubt Mehta.

Indiens Analphabeten und den Millionen von Wanderarbeitern,
die zwischen den 25 Bundesstaaten unterwegs sind, wird auch dies nichts nützen. Alleine in der Wirtschaftsmetropole Bombay leben rund 110 000 Taxifahrer, die Hälfte stammt aus anderen Regionen in Nordindien und ebenfalls 55 000 können weder lesen noch schreiben. Unfähig, sich per Brief zu verständigen, verlieren sie manchmal über ein Jahr lang jeden Kontakt zu den Verwandten in der Heimat.

Anfang der 90-er Jahre etablierten sich im ganzen Land so  genannte STD/ISD-Telefonbüros, von denen Kunden gegen Gebühr anrufen können.

Wer in die Heimat telefoniert muss normalerweise zweimal anklingeln. Das erste Mal um Bescheid zu sagen. Ein Junge wird dann losgeschickt  um den gewünschten Teilnehmer an den Apparat zu rufen. Nach einer halben Stunde kann dann das Gespräch geführt werden.

"Video-E-Mail ist viel besser", glaubt Mehta. Die elektronische Mitteilung samt Bildern kann jederzeit losgeschickt werden - und auf der Empfängerseite jederzeit angeschaut werden. "Es ist unglaublich, wie
sich die Leute freuen, wenn sie ihre Verwandten gewissermaßen in Fleisch und Blut vor sich auf dein Bildschirm haben", sagt Mehta.

Einige Probleme sind dennoch zu überwinden. Die Betreiber der Telefonbüros müssen rund 6000 Mark für die notwendige technische Ausstattung
investieren. Einige Bundesstaats-Regierungen geben deshalb Kredite mit einem Nominalzins von zwei Prozent um der Initiative auf die Beine zu helfen.

Mehta hat längst auch außerhalb Indiens Anhänger für sein bislang einmaliges Projekt gefunden. Die vereinten Nationen, sonst eher bürokratisch langsam denkend, meldeten sich bereits.

Und Palästinenserführer Yassir Arafat geriet angesichts der Video-E-Mail bei einem Besuch in Indien dermaßen aus dem Häuschen, dass er sich gleich eine Datenscheibe (DC) mit Beispielen mit in die Heimat nahm.

Von Willi Germund (Neu-Delhi)

Frankfurter Rundschau vom 5.10.1999


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